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Ich hatte einen Namen | Katzen wie wir

Ich hatte einen Namen

Published on: 6. August 2019

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Als meine Menschen-Mama mich fand hatte ich mein Köfferchen für die Reise über die Regenbogenbrücke bereits gepackt.

In diesem Leben kannte ich nichts anderes als Kälte, Hunger und Schmerz. Die Welt ist grausam zu einem, wenn man als kleines Kätzchen in den Straßen einer Großstadt geboren wird.

Meine Mutter wurde überfahren, bevor sie uns vier Geschwistern das Jagen beibringen konnte. Meine Brüder und meine Schwester kämpften so gut und so lange sie konnten. Aber sie kamen nicht gegen das erbarmungslose Wetter und den ständigen Hunger an.

Ich war die letzte Überlebende unserer kleinen Familie und hatte nur noch einen Wunsch: Über die Regenbogenbrücke zu meiner Familie zu reisen.

Sie sind böse. Sie hassen uns Katzen und wollen uns alle töten.

hatte unsere Mutter mich und meine Geschwistern immer wieder vor den Menschen gewarnt. Aber was sollte ich bloß tun, um diesen schrecklichen, jeden Gedanken zersetzenden Hunger zu stillen?

Frierend lag ich hinter einem Busch versteckt und konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Vielleicht lag es am lähmenden Hunger; oder an den Tritten des kleinen Menschen-Jungen, als ich ihn um den kleinen Rest seines Butterbrotes anflehte und mich nach vorne traute, als ein Krümel herab fiel.

Während mich der Gedanke daran immer weiter umgarnte, tiefer und tiefer in ein Reich vollkommener Müdigkeit und Ruhe zog, hörte ich, wie sich ein Mensch näherte und anfing, in den Büschen zu rascheln.

Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, mein Köpfchen zu heben. Aber im Blickwinkel konnte ich gerade noch einen Schuh des Menschen sehen und erkannte voller Traurigkeit, dass es dieses Mal ein großer Mensch war.

Ich schloss meine Augen und meine Seele entspannte sich. Ich flüsterte ihr tröstend zu, dass wir Mama und unsere Geschwister bald wieder sehen würden und gab mein Leben frei.

Vor lauter Herzklopfen hatte ich nicht gemerkt, wie der Menschen mich längst gesehen und ganz vorsichtig aufgehoben hatte. Während sich die Wärme seiner Hände wie eine sonnengewärmte Decke über mein Fell legte und mein Körper in die von seinen Händen geformte Kule sank, fühlte ich die liebende, sanfte Stimme meiner Mutter:

Gib nicht auf, kleiner Schatz… Bleib bei mir… Alles wird gut… Gib nicht auf…

Als ich aufwachte, spürte ich zuerst eine mir völlig unbekannte Wärme und Weichheit, also dachte ich: Das muss das Regenbogenland sein, von dem Mama uns erzählt hat.

Ich konnte sie immer noch flüstern hören – “alles wird gut, kleiner Schatz” – und hob überwältigt vor Freude mein Köpfchen, sah aber weder meine Mama noch meine Geschwister.

Plötzlich legte sich eine riesige Hand auf meinen Körper während die Stimme weiter flüsterte: „Ruh dich ein wenig aus, kleiner Schatz. Bald wird es dir wieder gut gehen, kleiner Schatz.“

Ich zitterte kurz vor Schreck und fiel noch schneller zurück in einen ohnmächtigen Schlaf. Ich wollte doch so gerne zu meiner Mama und meinen Geschwistern ins Regenbogenland.

Aber irgendwie klang in dieser flüsternden Stimme auch Hoffnung und Trost für mich.

Eine verschwommene Zeit später hatte mich meine Menschen-Mama gesund gepflegt. Dennoch habe ich nie vergessen, was meine Mama über die Menschen gesagt hat.

Sobald ich wieder kräftig genug war, schlug in nach der Hand dieser Frau und fauchte sie böse an. Doch sie ließ sich davon nicht beeindrucken und sprach immer mit ganz leiser Stimme zu mir.

Sie sind böse. Sie hassen uns Katzen und wollen uns alle töten.

Ich musste fliehen, sobald ich stark genug war.

Doch kurz vor dem Tag, an dem es so weit sein sollte, nahm ich einen eigenartig bekannten Geruch wahr. Das roch nach…..Katze!

Die Tür ging auf und plötzlich sah ich ihn. Ein großer, schwarzer Kater mit leuchtend grünen Augen kam gelassen auf mich zu, setzte sich zu mir und miaute ein „Hallo, mein Name ist Max, wer bist denn du?“

?!? Wieso hatte der einen Namen? Katzen erkennen sich doch am Geruch und brauchen keinen Namen!

Max lachte: „Du denkst bestimmt: Warum hat der nen Namen, oder?”

Ich sagte nichts. Ich konnte einfach noch nichts sagen.

Max lachte weiter: “Die Menschen können uns nicht am Geruch erkennen. Die reden mit Worten. Verrückt, oder?”

Ich sagte immer noch nichts.

Max hob seine Augenbraue und fuhr lehrmeisterlich fort: “Jede Katze, die über ein Gut und seine Menschen wacht, wird von ihnen geliebt und gefüttert – ja sogar verehrt.”

Bei dem letzten Wort riss er beide Augen auf und wartete scheinbar auf eine Reaktion von mir. Aber ich konnte immer noch nichts sagen.

“Jedenfalls: Was Menschen lieben, bekommt auch einen Namen”, sagte er und wartete erneut ab.

Ich konnte nicht glauben, was Max da erzählte. Menschen, die Katzen lieben und ihnen Namen geben?

Ich habe keinen Namen.


flüsterte ich.

Max sah mich freundlich an, drehte sich drei Mal im Kreis, legte sich zu mir und begann mich zu putzen: „Du wirst auch bald einen Namen bekommen. Unsere Mama hat uns allen Namen gegeben.“

Mmmmhhh – diese herrlich raue Zunge – wie zu Hause – bei Mama!

In meinem Bauch machten sich tausend Schmetterlinge Platz und lösten immer stärkere Wellen der Geborgenheit und des Vertrauens aus, bis sie ganz unerwartet in meiner Kehle barsten: Ich schnurrte!!!

Ich schnurrte so stark und so laut, als hätte ich mein ganzes Leben nur auf diesen einen Moment gewartet.

Außer Max lebten noch zwei andere Katzen bei der Frau, die blinde Millie und der dreibeinige Michael. Sie waren auch immer sehr nett zu mir, aber Max wurde mein bester Freund. Er erzählte mir viel über das Leben bei dieser Frau und bat mich, lieb zu ihr zu sein.

Was soll ich euch erzählen? Es dauerte nicht lang und auch ich fasste Vertrauen zu ihr. Sie kümmerte sich so liebevoll um uns alle, obwohl keiner von uns wirklich gesund war.

Nach ein paar Wochen ging es mir wieder richtig gut. Nur meine Hinterbeine konnte ich noch immer nicht richtig bewegen. Die Frau war mit mir zu vielen Tierärzten gegangen, doch keiner konnte meine Beine dazu bringen mich zu tragen.

Die Frau brach jedes Mal in Tränen aus und drückte mich ganz fest an sich. Zuhause legte sie mich dann auf ihren Schoß und flüsterte:

Gib nicht auf, kleiner Schatz! Ich werde immer für dich sorgen.

Da merkte ich, wie erkaltet ich gewesen sein muss: Ihre beständige Liebe hatte sich durch das dicke Eis geglüht und mein Herz in Flammen aufgehen lassen: Zum ersten Mal konnte ich wieder das Gefühl spüren, eine echte Mama zu habe.

Einige Monate vergingen. Ich schlief oft gemeinsam mit Max auf einem Kissen, hatte immer ein volles Bäuchlein und unsere Mama kümmerte sich pflichtbewusst und liebevoll um uns alle.

Sie musste mich mehrmals täglich waschen, trotzdem flüsterte sie mir immer wieder dieselben Worte zu:

Gib nicht auf, kleiner Schatz! Ich bin immer für dich da.

Es war zu schön, um wahr zu sein und zu dieser Familie zu gehören. Ich würde am liebsten für immer bleiben. Doch das Leben auf der Straße hat Spuren hinterlassen, die auch die liebevollste Mama der Welt nicht wegwischen kann, und ich war immer noch sehr krank.

Wir haben gespielt, gerauft und unsere Mama hat uns mit ihrer Liebe überhäuft. Trotzdem quälte mich jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster schaute, der Gedanke, dass viele Katzen – ob groß oder klein – auf der Straße lebten und für die jeder neue Tag einfach nur ein neuer Kampf bedeutet.

Irgendwann an einem wunderschönen Sonntag-Morgen – die Sonne strahlte aufs nasse Gras und die Bienen summten in jedem Gebüsch – merkte ich, dass mein Körper nicht mehr länger konnte und meine Zeit gekommen war.

Meine Menschen-Mama hielt mich in ihren Armen, Tränen rannen ihre Wangen entlang und sie flüsterte:

Ich weiß, dass deine Zeit hier sehr kurz war und ich würde dich so unendlich gerne noch länger hier bei uns behalten.

Aber deine andere Familie wartet schon im Regenbogenland auf dich und wird dich so lieben, wie ich dich hier auf der Erde geliebt habe.

Bitte vergiss mich nicht.

Als sie Regenbogenland sagte, funkelten meine Augen ein letztes Mal auf und ich versprach ihr, dass ich am anderen Ende der Regenbogenbrücke auf sie warten werde, auch, wenn ich nicht gesehen habe, ob sie es verstand.

Meine Katzen-Mama und meine Geschwister hatten bereits auf mich gewartet, als ich im Regenbogenland ankam. Ich konnte mich noch an ihren schlimmen Zustand erinnern kurz bevor ich von meiner Menschen-Mama gefunden wurde und als ich sah, wie sauber und gesund sie alle aussahen – fast schon leuchteten – vergaß ich alles – auch meine Beine – und rannte auf sie zu. War das eine Freude!

Nun warten wir gemeinsam auf den Rest der Familie, denn eines Tages werden auch sie die Regenbogenbrücke überqueren.

Natürlich erzählte ich meiner Familie von meiner anderen Familie auf der Erde. Meine Mama schien auch gar nicht mehr böse auf die Menschen zu sein und lachte Tränen vor Glück.

Als mich meine Geschwister fragten, was das Schönste in meinem Leben gewesen sei, sagte ich:

Ich wurde geliebt und hatte einen Namen:

Mischa

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